Krieg in der Ukraine

"Wenn das so weitergeht, ist die russische Armee im Juni mit der Offensivkraft am Ende"

Schlacht um Kiew verloren, Schlacht um Charkiw verloren und die Pläne für den Donbass werden immer kleiner. Woran liegt es, dass die russische Armee so gewaltige Probleme hat? Sechs Gründe, erklärt anhand von Karten.

Von Sebastian Gierke und Jonas Jetzig
18. Mai 2022 - 11 Min. Lesezeit

Vor zwölf Wochen überfiel die russische Armee die Ukraine. Große militärische Erfolge kann sie bislang nicht vorweisen, hat aber einige vernichtende Niederlagen erlitten. Die Führung mussten ihre Pläne immer weiter herunterschrauben.

Was sind die russischen Pläne aktuell?

Die Truppenbewegungen der russischen Armee in den ersten Tagen und Wochen des Krieges gaben einen Hinweis darauf, was möglicherweise ein russisches Ziel für den Osten der Ukraine war:

Eine Landbrücke zwischen der Krim und dem Donbass herzustellen und dann von Norden aus Richtung Charkiw und von Süden aus Richtung Melitopol kommend die ukrainischen Verbände im Osten mit einer Zangenbewegung einzukesseln und vom Nachschub abzuschneiden. Das hat sich allerdings schnell als krasse militärische Fehleinschätzung Moskaus herausgestellt: Ein solch gewaltiger Kessel wäre nur denkbar gewesen, wenn die Ukrainer so gut wie keinen Widerstand geleistet hätten.

Nachdem den Invasoren klar wurde, dass der Plan mit dem Kessel nicht aufgehen würde, und man im Norden bei Kiew eine vernichtende Niederlage erlitten hatte, konzentrierten sich die russischen Truppen seit ungefähr April auf ein sehr viel kleineres Gebiet und versuchten, die ukrainischen Truppen dort zu umfassen. Ihren Ausgang sollten diese Vorstöße im Norden von Isjum und im Süden aus Richtung Donezk nehmen. Gleichzeitig wollte man im Osten an der sogenannten Kontaktlinie langsam weiter vorrücken. Doch auch diese Umzingelung hatte keine Aussicht auf Erfolg. Es fehlten Material und Soldaten. Die russische Militärführung musste auch von diesem in seinen Ausmaßen bereits deutlich geschrumpften Plan abrücken.

Anfang Mai war nur noch von dem Bereich südlich von Isjum die Rede.

Und im Moment konzentrieren sich die offensiven Aktivitäten im Osten in der Hauptsache auf einen kleinen Bereich zwischen Isjum, Sjewjerodonezk und Popasna. Hier gibt es tatsächlich auch russische Erfolge. Popasna konnte beispielsweise eingenommen, Truppen südlich von Isjum postiert werden.

Insgesamt fallen die Erfolge aber nicht nur deutlich geringer aus als geplant. Im Gegenteil: Es wird immer wahrscheinlicher, dass ihr Vorgehen für die russischen Streitkräfte ebenfalls zu einem Debakel werden könnte. Die ausgegebenen Ziele werden immer kleiner.

Warum haben die Offensiven der russischen Armee im Donbass keinen Erfolg? Sechs Gründe, erklärt anhand von Karten.

1 . Ukrainische Taktik

Eines der wirksamsten Mittel, um dem Versuch einer Einkesselung etwas entgegenzusetzen, ist es, die in einem solchen Fall besonders verwundbaren Flanken des Gegners zu attackieren.

Solche Gegenangriffe hat die ukrainische Armee in den vergangenen Wochen immer wieder durchgeführt. Den größen und erfolgreichsten im Norden und Nordosten von Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, um die seit Beginn der Invasion heftige Kämpfe tobten. Die hier zahlenmäßig unterlegenen, überdehnten russischen Streitkräfte konnten nicht standhalten und die Ukrainer große Geländegewinne erzielen.

Die Schlacht um Charkiw haben die russischen Truppen also verloren. Auch ihre Feldartillerie, die mit Standardmunition bis zu 25 Kilometer weit schießt, kann die Stadt nicht mehr erreichen. Das ist nach dem Rückzug aus der Region um Kiew die zweite große Niederlage für die russische Seite. Die 1,5-Millionen-Einwohnerstadt befindet sich nicht nur wieder vollständig unter ukrainischer Kontrolle, die Verteidiger konnten die gegnerischen Verbände in der Region sogar weitgehend zurückdrängen - teils sogar bis zur Grenze zu Russland.

Dieses Bild ukrainischer Truppen nördlich von Charkiw an der Grenze zu Russland ging um die Welt.
Dieses Bild ukrainischer Truppen nördlich von Charkiw an der Grenze zu Russland ging um die Welt.

Jenseits der Grenze, nur wenige Kilometer von dort entfernt, werden neue russische Rekruten ausgebildet. Allein dass die Ukraine in der Lage ist, diese Räume zu bedrohen, ist für Russland ein strategisches Problem. Der schnelle taktische Rückzug der Invasoren geschah außerdem unter großen Verlusten, vor allem über die Schnellstraße Richtung Belgorod. Auch eine wichtige Nachschublinie ist bedroht. Und die Ukrainer haben nicht vor, hier aufzuhören: Nach dem gewaltigen Erfolg haben sie eine Gegenoffensive auch bei der für die Russen strategisch wichtigen Stadt Isjum angekündigt.

2. Ukrainische Verteidigungsanlagen

Die ukrainischen Streitkräfte hatten jahrelang Zeit, sich auf den russischen Angriff vorzubereiten. Und sie haben diese Zeit genutzt.

In der Region zwischen Isjum im Norden, Donezk im Süden und Sjewjerodonezk im Osten wurden Gräben ausgehoben.

Man hat Artilleriestellungen befestigt, Bunker gebaut, Vorräte angelegt.

Und die Ukrainer haben die Verteidigungsstellungen Anfang und Mitte April "weiter verbessert", sagt Gustav Gressel, Russland- und Militärexperte bei der internationalen Denkfabrik European Council on Foreign Relations (ECFR). "Die russische Offensive hatte Anlaufschwierigkeiten, die Koordination der Angriffe untereinander lief schlecht." Diese Zeit nutzten die Verteidiger.

Die Ukrainer kennen das Gelände, haben sich die besten Verteidigungspositionen gesucht. Auch wenn die Darstellung hier schematisch ist, kann man grob sagen, dass es mehrere hintereinander gestaffelte Verteidigungslinien gibt. Bricht davon eine zusammen, können sich die Verteidiger hinter die nächste zurückziehen - und entgehen so der Gefahr, eingekesselt zu werden. Und auch hinter den jeweiligen Verteidigungslinien haben die Ukrainer Truppen bereitgestellt, vor allem mobile Panzerverbände und mechanisierte Infanterie, um mit diesen auf mögliche russische Durchbrüche schnell reagieren zu können.

3. Das Gelände

Unterstützt von schwerer Artillerie und aus der Luft von Kampfflugzeugen und Helikoptern versuchen die russischen Truppen seit Beginn der Donbass-Offensive, auf möglichst breiter Front mit möglichst vielen Kampfpanzern und mechanisierter Infanterie vorzurücken, Durchbrüche zu erzielen und kleinere Verbände des Gegners so zu umzingeln und zu vernichten. Das entspricht der russischen Militärdoktrin.

Doch vor allem das Gelände hat den Russen hier von Anfang an große Probleme bereitet. Sie mussten sich durch dicht bewaldetes, hügeliges Gebiet bewegen und immer wieder auch Flussläufe überqueren. "Viele Hügel erlauben es dem Verteidiger, das Gelände für starke Stellungen zu nutzen, und machen das Angreifen schwer", sagt Gustav Gressel. Die Ukrainer seien besser und kreativer darin, das Gelände für sich zu nutzen, als die russischen Truppen.

Besondere Schwierigkeiten bereitet den Invasoren die Überquerung des Flusses Siwerskyj Donez, der ein Nebenfluss des Don ist. Obwohl nicht besonders breit, wurde er zu einem gewaltigen Hindernis. Die wenigen Brücken, die es dort gab, haben die ukrainischen Kräfte zerstört. Die russischen Truppen mussten deshalb auf Behelfsbrücken zurückgreifen. Das dauert und birgt große Risiken.

Bei Isjum hat das Übersetzen mithilfe einer solchen Pontonbrücke die Truppenverlegung deutlich verzögert, was mit dafür verantwortlich war, dass die Offensive nur schwer in Gang kam. Isjum ist im Osten und Westen von bewaldetem Gebiet umgeben, im Süden fließt der Siwerskyj Donez. Einen ersten Angriff Mitte März direkt durch Isjum hindurch an der Hauptstraße nach Süden konnten die Ukrainer abwehren. Die russischen Kräfte mussten sich im Osten mühsam durch bewaldetes Gebiet vorkämpfen, verlegten am Siwerskyj Donez zwei Pontonbrücken, um den Fluss zu überqueren, und fielen den Verteidigern von Westen in den Rücken. Auf ukrainischer Seite gab es viele Tote, die Invasoren nutzen die Stadt und den Bereich südlich des Siwerskyj Donez seither als Aufmarschgebiet. Ein Großteil der Truppen, die aus dem Norden kamen, wurde über Isjum ins Kampfgebiet gebracht.

Eine andere Flußüberquerung hatte weit verheerendere Folgen als nur eine zeitliche Verzögerung:

Anfang Mai wussten die Ukrainer von einer russischen Kampfeinheit, die den Fluss überqueren wollte, um Richtung Lyman vorzurücken - und bereiteten sich darauf vor. Sie kundschafteten mögliche Orte für die Überquerung im Vorfeld aus und überwachten sie mit moderner Technik.

Am 8. Mai dann versuchten die russischen Truppen, den Fluss zu überwinden. Das taktische Vorgehen dabei wurde sogar von russischen Militärbloggern heftig kritisiert. Nachdem die Brücke gelegt war und die ersten Einheiten den Fluss überquert hatten, schlugen ukrainische Artilleriegeschosse ein; die Behelfsbrücke wurde möglicherweise durch Flugzeuge zerstört. Die Truppen, die schon auf der anderen Seite waren, waren jetzt isoliert. Die Angreifer sahen sich offenbar deshalb dazu gezwungen, mit einer zweiten Pontonbrücke erneut die Querung zu versuchen.

Doch das Artilleriebataillon der 17. ukrainischen Panzerbrigade konnte auch die zweite Brücke und - durch stundenlanges Feuer - die gesamte russische Einheit zerstören.

Drohnenbilder, die das Ukrainian Airborne Forces Command veröffentlichte und die von unabhängigen Quellen überprüft wurden, zeigen, wie gewaltig die Verwüstung war.

Die russische Kampfeinheit hatte aus ungefähr 1000 Mann und etwa 80 Fahrzeugen bestanden.

Vermutet wird, dass fast 500 russische Soldaten allein hier am Fluss getötet wurden.

4. Keine Lufthoheit

Einer der überraschendsten Faktoren in diesem Krieg: Die russische Armee hat auch zwölf Wochen nach der Invasion noch nicht die Lufthoheit errungen. Noch immer fliegen ukrainische Jets und Hubschrauber Einsätze. Und die russischen Kampfflugzeuge sind nicht sicher. Der unabhängigen Analyseplattform Oryx zufolge wurden bereits 25 russische Kampfflugzeuge und 38 Helikopter zerstört. Weil präzisionsgesteuerte Munition fehlt, müssen die Flugzeuge tief fliegen, um ihre Ladungen ins Ziel zu bringen. Damit werden sie zu relativ leichten Zielen von beispielsweise schultergestützten infrarotgelenkten Luftabwehrraketen wie der Stinger. Ein extrem wichtiger Teil der Aufklärung findet außerdem in der Luft statt. Russische Aufklärungs- und Überwachungsdrohnen werden immer wieder abgeschossen. Der ukrainischen Seite gelingt es dagegen, ihre Drohnen besonders zur Zielaufklärung für die Artillerie äußerst effektiv einzusetzen

5. Nachschub

Nachschubprobleme hat die russische Armee seit Beginn des Krieges. Mit der Offensive im Donbass haben sie einige der Probleme in den Griff bekommen. "Sie schützen den eigenen Nachschub und die eigene Artillerie besser als in der ersten Phase des Krieges, wo die schnellen und tiefen Vorstöße den Ukrainern viele Gelegenheiten boten, den Nachschub und rückwärtige Dienste durch Hinterhalte und Überfälle anzugreifen", sagt Experte Gustav Gressel. So rücken sie beispielsweise, wann immer möglich, parallel auf zwei oder mehr Straßen gleichzeitig vor, um die Flanken besser decken zu können.

Russischer LKW-Konvoi im Oblast Donezk.
Russischer LKW-Konvoi im Oblast Donezk.

Doch die logistischen Probleme bei der Verlegung von Truppen im Feindesland sind immer noch gewaltig. Schnelle Vorstöße mit leichteren Verbänden unternehmen die Invasoren auch deshalb kaum, weil sie dann sofort den Kontakt zu den Nachschubwegen verlieren, ihre Artillerie nicht mehr geschützt ist und diese nicht schnell genug nachgeführt werden kann.

Ein Grund: Die russische Armee verfügt nicht über genug einsatzbereite Trucks. Denn das Material, das vor allem über die Schiene aus Russland herantransportiert wird, muss beispielsweise von Kupjansk aus mit Lkws (Pfeile) bis an die Front gebracht werden - von Munition und Treibstoffen bis hin zu Verpflegung für die Soldaten. Hier allerdings stockt der Nachschub immer wieder. Schnelles Vorrücken ist darum nicht möglich.

Dazu kommt, dass vielerorts der Boden aufgeweicht ist und deshalb Trucks und schweres Gerät auf asphaltierte Straßen angewiesen sind. Dort sind sie allerdings durch Drohnen leicht zu entdecken und können zum Ziel werden.

6. Personalmangel

All diese Probleme wären für Russland in den Griff zu bekommen, wenn es den Truppen nicht auch an Personal mangeln würden. "Man hat keine klare Überlegenheit zustande bekommen, die man für einen Durchbruch bräuchte", sagt Gustav Gressel. "Die Ukraine hat schneller Kräfte in den Donbass verlegt als die Russen." Eine militärische Faustregel besagt, dass der Angreifer eine Überlegenheit von 3:1, besser sogar von 4:1 braucht, um erfolgreich sein zu können. Auch wenn es kaum möglich ist, exakte Zahlen darüber zu bekommen, welche Kriegspartei wo über wie viele Soldaten genau verfügt, ist doch sicher: Betrachtet man die gesamte Front, haben die Invasoren eine solche Überlegenheit nicht. Und sie konnten sie offenbar auch noch nicht oder nur sehr selten an einzelnen Punkten der Front herstellen, um dort erfolgreich durchzubrechen.

Ein russischer Soldat in der Nähe von Donezk.
Ein russischer Soldat in der Nähe von Donezk.

Dem Thinktank Institute for the Study of War (ISW) zufolge versuchen die russischen Kräfte bereits, über private Militärfirmen und verbündete Milizen Personal zu rekrutieren. Außerdem gibt es Berichte, wonach in Russland eine heimliche Mobilisierung von Truppen stattfindet. Doch neue Rekruten, die nicht gut vorbereitet und ausgebildet sind, können die bisherigen Verluste kaum ausgleichen. Nach Angaben des britischen Geheimdienstes hat Russland bereits ein Drittel der Truppen verloren, die für den Kampf in der Ukraine vorgesehen waren.

Wie geht es weiter?

Für Gustav Gressel ist das größte Problem Russlands nicht, dass seine Kräfte nur "wenig Gelände" gewonnen haben. "Problematischer ist, dass man die eigenen Verluste nicht minimieren konnte. Bei Panzerkräften und mechanisierter Infanterie ist das Abnutzungsverhältnis für Russland immer noch viel zu hoch", sagt Gressel. Im Abnutzungskampf scheinen im Moment die ukrainischen Streitkräfte die Oberhand zu haben. Und das, obwohl viele der neueren westlichen Waffensysteme, die von Nato-Partnern geliefert werden, noch gar nicht an der Front integriert werden konnten. Allerdings tauchen in den vergangenen Tagen zum Beispiel immer mehr Bilder und Videos von amerikanischen Haubitzen vom Typ M777 im Kampfeinsatz auf. In Artilleriegefechten können diese entscheidend sein.


Ein ukrainischer Mehrfachraketenwerfer in der Nähe von Luhansk.
Ein ukrainischer Mehrfachraketenwerfer in der Nähe von Luhansk.

Das Einzige, was den russischen Truppen im Moment bleibt, ist, zu versuchen, langsam weiter vorwärtszurollen. Und es gibt Hinweise darauf, dass russische Streitkräfte in den kommenden Tagen einen Großangriff auf Sjewjerodonezk unternehmen könnten - einst von 100 000 Einwohnern bewohnt -, um zumindest diese strategisch wichtige Stadt unter Kontrolle zu bringen. Sicher ist das allerdings keineswegs: Es hat den Anschein, als könnten die Angreifer ihre offensiven Aktionen nicht mehr lange durchhalten. "Wenn das so weitergeht, ist die russische Armee im Juni mit der Offensivkraft am Ende", sagt Experte Gressel.

Ein baldiges Ende des Krieges bedeutet das nicht. Der von Russland angestrebte Bewegungskrieg würde dann aber tatsächlich zu einem Stellungskrieg. Die Ukraine habe die russische Armee noch nicht bis zu einem Punkt abgenutzt, an dem sie in den umkämpften Bereichen selbst zu größeren Gegenangriffen ausholen könne, sagt Gressel. "Das wird sich in den nächsten Wochen entscheiden."

Team
Text Sebastian Gierke
Digitales Storytelling Sebastian Gierke
Infografik Jonas Jetzig
Bildredaktion Stefanie Preuin
Redaktion Karoline Meta Beisel, Wolfgang Jaschensky, Markus Schulte von Drach
Schlussredaktion Florian Kaindl